Monstermäßige Begegnung im Frühling
Monstermäßige Begegnung im Frühling

Monstermäßige Begegnung im Frühling

Anfang der Neunziger, Ducati geht es zu der Zeit nicht besonders, wird, quasi aus der Not heraus, eine Legende geboren. Natürlich ist zu dieser Zeit der ikonische Status noch nicht abzusehen, aber das ändert sich schnell. Das Konzept ist relativ einfach, aber beeindruckend. Aus verschiedenen Teilen der Supersport und Superbikeserie entwirft Miguel Galluzzi die sogenannte Urmonster. Blickfang und Markenzeichen: der Gitterrohrrahmen. Als Antrieb dient der 80 PS starke 900er, welcher dem 184 kg leichten “Streetfighter” zu guten Fahrleistungen verhilft. Seitdem bin ich ein heimlicher Monsterfan. Da in meinem Portmonee zu dieser Zeit monstermäßige Leere herrscht (ist heute noch nicht viel anders), bleibt die Urmonster ein unerfüllter Traum meiner Sturm- und Drangzeit.

Die M900 “Urmonster”

Knapp dreißig Jahre später ergibt sich nun aber die Möglichkeit den Urenkel der Urmonster einem zünftigen Fahrtest zu unterziehen. Aber was hat sich alles geändert, was ist nur aus der Monster geworden? Vom ursprünglichen Konzept ist lediglich der Name übrig geblieben, ansonsten erinnern vielleicht noch einige Daten (V2, 900er, Naked) an die ikonische Oma. Kein Gitterrohrgeflecht, welches die Monster so unverwechselbar machte, ist noch zu sehen. Von Eigenständigkeit keine Spur mehr, das moderne, austauschbare “Einheitsdesign” hat auch hier Einzug gehalten. Würde da nicht der berühmte Name dran stehen, man könnte meinen irgendeine asiatische Konstruktion vor sich zu haben… Hat man früher die Monster als solche problemlos erkannt, ist das im Jahr 2022 nicht mehr ohne weiteres möglich. Leider.


Gott sei Dank gibt es aber eine Firma, die dem etwas langweiligen Design der neue Monster ein wenig auf die Sprünge hilft. Die Rede ist von der Stein-Dinse GmbH in Schwülper bei Braunschweig. Dort wird die junge Monster mit feinstem Schmuck behangen und versucht eine individuelle Note umzusetzten. Mit Erfolg. Einen Gitterrohrrahmen gibt es zwar immer noch nicht, aber dafür feinste, eloxierte Schrauben, Deckel und Hebel. Der Blickfang (und ein unbedingtes Muss für Ducastisti) ist zweifelsohne der wunderschöne Kupplungsdeckel mit freiem Blick auf die mechanischen Innereien. Ein klein wenig erinnert dieses Bauteil an hochwertige, mechanische Uhren mit Glasboden. Die Optik wird abgerundet vom formschönen Endschalldämpfer, mit gutem und sozialverträglichen Sound. 

Die neue Monster

Wenig überraschend ist die Performance des Gesamtpakets, typisch Ducati halt. Angefangen bei der angenehmen Sitzposition, Kniewinkel und Abstand zum Lenker passen für meine 180 cm ausgesprochen gut und auch auf längeren Etappen ändert sich daran nichts. Das Fahrwerk kommt mir beim ersten Probesitzen etwas weich vor, aber das täuscht gewaltig. Zielgenau, handlich und spurstabil – so mein erster (und zweiter) Eindruck, der sich im weiteren Testverlauf erhärtet. Kurven jedweder Art, in jedweder Geschwindigkeit werden geradezu spielerisch durchzogen. Fahrradfeeling. Das liegt sicherlich an dem niedrigen Gewicht und an dem kürzeren Radstand im Vergleich zum Vorgänger. Die Gewichtsersparnis resultiert aus dem Verzicht aufs oben genannte Rohrgeflecht, wobei ich mit 18 kg mehr hätte leben können, wenn die Optik monstermäßiger ausfallen würde. Zum einen sind die Felgen leichter geworden, zum anderen der Rahmen und auch Schwinge und Motor fallen leichter aus. Ein Trockengewicht von nur 166 kg sind eine echte Ansage. Der Desmo-V2 selbst ist aus der Hypermotard und Supersport bekannt, mit kleinen Änderungen wird er Monster-tauglich. Ein Elektronik-Paket mit schräglagensensibler Traktionskontrolle, Schräglagen-ABS, Wheelie-Kontrolle, drei Riding-Modes und serienmäßig einen Quickshifter mit Blipperfunktion findet Ihr ebenfalls in der neuen Monster. Alles einstellbar über das gewohnte Ducati-Menü im gut ablesbaren TFT-Display.
Der 111 PS starke Testastretta hat mit der leichten Maschine natürlich keinerlei Probleme, er dreht sauber hoch und schiebt, in Verbindung mit dem hervorragenden Quickshifter (mit Blipper) ordentlich vorwärts. Der Sound ist dabei zum niederknien! Konstantfahrruckeln oder sonstige Auffälligkeiten konnte ich nicht feststellen. Weder im Stadtverkehr, noch auf ein, zwei flotten Harzrunden gibt sich der 937er Desmo eine Blöße. Auch die Wartungsintervalle fallen großzügig aus – was bei Ducati ja nicht immer der Fall war. 15.000 Kilometer bis zum nächsten Ölwechsel und 30.000 Kilometer bis zur Kontrolle des Ventilspiels sind zeitgemäß.


Fazit:

Enttäuschend ist für mich lediglich die Optik. Die coolen Anbauteile, die Stein-Dinse an die Monster schraubt bringen zwar nicht den Rohrrahmen zurück, versprechen aber ein hohes Maß an Individualität. Ansonsten funktioniert die Monster sagenhaft gut. Tolle Bremsen, ausgewogenes Fahrwerk, erstklassiger Motor und ein umfassendes Elektronikpaket – die Enkelin der Urmoster besitzt gute Gene und die Jugend hat sich ja schon immer etwas anders gekleidet, als die Großeltern.

Nachtrag 1: die Tankanzeige ist eher zur groben Orientierung geeignet. Eben noch halbvoll, zeigt sie in der nächsten Sekunde Reserve an. Bei lediglich 14 Litern Tankinhalt solltet Ihr die Etappen möglichst gut planen. 


Nachtrag 2: Ein kurzes Wort zur Serienbereifung sein mir noch gestattet – zum Pirelli Diablo Rosso III. Seitdem mich dieser Reifen, vor einiger Zeit, beinahe von meiner Multistrada befördert hätte, stehe ich mit ihm etwas auf Kriegsfuß. Der damalige Highsider kam dermaßen überraschend und ohne Vorankündigung, dass ich es seither mit diesem Pneu etwas vorsichtiger angehen lasse/lies. Auf der Monster macht er allerdings eine recht gute Figur. Etwas zu direkt beim Einlenken, beinahe kippelig, zieht er aber spurtreu seine Bahn. Nach einigen flotten Harzkurven hab ich mich an das überagile Handling gewöhnt und kann dem Reifen nichts negatives nachsagen. Allerdings war ich natürlich auch nicht auf der letzten Rille unterwegs. Zur Haltbarkeit kann ich mich hingegen ebenso wenig äußern, wie zur Nasshaftung. Ersteres kann ich nicht beurteilen, weil der Testhobel wieder abgegeben wurde, zweiteres hab ich nicht getestet, weil es zum Testzeitpunkt partout nicht regnen wollte, sondern nur genieselt hat…

Alle der verbauten Teile findet Ihr natürlich im Webshop von Stein-Dinse … oder selbstverständlich vor Ort in Braunschweig!

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